Asexualität

Der „Das bin ich!“-Effekt

Die Geschichte der meisten Aces, die zu ihrer Identität gefunden haben, läuft so ab: Sie wussten jahrelang nicht, dass Asexualität existiert/einen Namen hat. Doch dann kam der Moment, in dem sie (meist durch das Internet) endlich davon erfahren haben. Und sie dachten sich sofort „Das bin ich!“.

Jetzt erzähle ich mal eine andere Geschichte.

Ich habe in der Grundschule erfahren, dass Schwule und Lesben existieren. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die diese Sexualitäten zwar nicht groß zum Thema gemacht hat, aber auch nicht verdammt hat. Deshalb war meine Einstellung dazu so ziemlich: „Hey, wenn das zwischen Mann und Frau funktioniert, dann wohl auch zwischen Mann und Mann und Frau und Frau.“ Kinder haben ja meistens die geringsten Akzeptanzprobleme.

Als ich dann auf die weiterführende Schule kam, ich muss wohl so 13 gewesen sein, habe ich zum ersten Mal von Bisexualität erfahren. Auch hier keine große Verwirrung, wenn man sich zu einem Geschlecht hingezogen fühlt, warum nicht auch beide? (Das damalige Ich hatte noch nichts von der Geschlechtervielfalt gehört. Leider. Hätte mir einiges erspart.)

Mit 17 wurde ich dann durch die tumblr Blogs, die ich regelmäßig las auf die anderen Geschlechter und Sexualitäten aufmerksam. Unter anderem Asexualität. Und ich dachte mir: „Ja, klar, wenn es Leute gibt die dasselbe Geschlecht oder mehrere Geschlechter attraktiv finden, dann ist es auch naheliegend, dass es solche gibt, die niemanden attraktiv finden.“ Ich habe einiges von Asexualität gelesen. Aber der „Das bin ich!“-Effekt blieb aus. Für mich war es genauso, wie jede andere Sexualität. die entdeckt habe. Wenn mich jemand gefragt hat, dann habe ich (etwas widerspenstig) gemeint, dass ich pansexuell bin, da es für mich keinen Unterschied gemacht hat, welches Geschlecht jemand hatte. Ich empfand für alle gleich (nämlich nichts!). Ansonsten habe ich mehr oder weniger die Sexualitätsfrage verdrängt.

Es hat an die drei Jahre (!) gedauert, bis ich endlich darauf gekommen bin, dass ich ace bin. Drei Jahre, in denen ich nicht weiter darüber nachdenken wollte. Es war ja sowieso niemand an mir interessiert, dachte ich. Als ob die eigene Sexualität davon abhängt, wer sich für einen interessiert, anstatt andersrum.

Schließlich war dann doch jemand interessiert. Ein Kumpel, super nett, wir kamen toll aus, haben stundenlang reden können, schlecht sah er auch nicht aus. Er hat mit mir darüber gesprochen, dass er gerne mit mir zusammen wäre, und in meinem Kopf gingen die Alarmglocken los. Ich habe versucht so nett wie möglich zu sein, als ich ihm erklärt habe, dass ich kein Interesse habe. Er war enttäuscht, aber hat es verstanden. Und ich kam nach Hause und habe erstmal Selbstfindung betrieben. Und das Ergebnis war, dass ich zumindest ace bin. Und wahrscheinlich aromantisch. Und dass ich in Zukunft eine Menge darüber nachdenken musste, was eventuelle Beziehungen angeht.

Die Moral der Geschichte: Bloß weil mensch sich nicht sofort mit einem Label identifizieren kann, heißt das nicht, dass es nicht passt oder derjenige es nicht annehmen kann. Manchmal ist man einfach noch nicht bereit, sich es selbst einzugestehen oder hat eine andere Erfahrung als die stereotypische. Manchmal sind Gefühle auch zu verwirrend, um sie auf Anhieb zu verstehen.

Und ganz ehrlich? Asexualität, die sich darüber definiert, was eine Person nicht empfindet, kann sehr schwer zu identifizieren sein. Ich kenne einige Asexuelle, die wie ich zuerst als pan- oder bisexuell identifiziert haben.

Und wer sich nicht sicher ist: Einfach ausprobieren! Wenn ihr später feststellt, dass asexuell doch keine passende Bezeichnung ist, könnt ihr jederzeit zu etwas anderem (oder auch keinem Label) übergehen.

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