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Endlich Ehe für alle

Wie so viele habe ich heute morgen den Livestream der Bundestagssitzung verfolgt. Die Reden sind mehr oder weniger an mir vorbei gezogen, neue Argumente waren auf beiden Seiten nicht dabei. Die Abstimmung kam und das Ergebnis wurde bekannt gegeben. Ich musste die Zahlen mehrfach durch lesen, bevor ich mir endlich sicher war, dass das Ergebnis real ist.

Ich habe mich gefreut für alle, deren Wunsch wahr geworden ist, für alle, die jetzt heiraten können und für alle, denen diese Entscheidung hilft, sich selbst zu akzeptieren. Ich habe mich für meine Freunde gefreut. Und auch ein bisschen für mich. Es ist schön eine Möglichkeit mehr zu haben, selbst wenn man sich noch nicht sicher ist, was man will.

Ich habe mich aber nicht laut gefreut.

Ich hatte den Fehler gemacht mit meinem Vater, den Livestream zu verfolgen. Er hat die Abgeordneten als „Deppen“ bezeichnet und gegen die Ehe für alle und ein erweitertes Adoptionsrecht gewettert.

Ich konnte mich nicht nach außen freuen, weil ich schon wieder verteidigen und belehren musste. Ich kann nicht still bleiben, gerade bei meiner Familie. Manchmal frage ich mich, ob mein Vater wirklich so über diese Themen denkt oder nur so redet, um einen Streit mit mir anzufangen. So oder so, er ist homophob (und nein, mit einem schwulen Pärchen befreundet zu sein, schließt das nicht aus).

Und das hat mich ziemlich schnell in die Realität zurück geholt. Bloß weil gleichgeschlechtliche Paare jetzt heiraten dürfen, heißt das nicht, dass auch mit der Homophobie Schluss ist. Ich musste daran denken, wie viele Kinder und Jugendliche jetzt gerade ihre Eltern dieses Abstimmungsergebnis verfluchen hören und sich für ihre Gefühle schämen. Ich musste an die Plakate denken, die auf geschützten Sex aufmerksam machen wollen, aber nur Mann und Frau abbilden. An den Beispiel-Stammbaum im Schulbuch meines Cousins, der nur die „traditionelle Familie“ mit Mann, Frau und zwei Kindern zeigt. An die Gewaltverbrechen aus Homophobie.

Und wenn ich jetzt so an die Reden im Bundestag zurückdenke, erinnere ich mich, dass sie von Schwulen und Lesben und Homosexuellen geredet haben. Aber was ist mit all den Bisexuellen? Den Pansexuellen? Warum ist selbst bei den „progressiven“ Rednern das gesamte Verständnis so binär in jeder Hinsicht?

Ja, wir haben noch viel vor uns. Und dank meinem Vater konnte ich das nicht einmal heute vergessen, an einem Tag, an dem wir einen längst überfälligen und so lange ersehnten Erfolg erzielt haben. Aber den Stolz auf das, was wir erreicht haben, auf alle Leute, die dafür gekämpft haben, kann weder er noch sonst jemand mir nehmen. Pride fällt mir heute leicht.

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