Asexualität

Asexualität im deutschen Fernsehen?

Weltweit findet man nicht viele explizit Asexuelle im Fernsehen. Und bei denen, deren Verhalten darauf hinweisen könnte, blocken die Serienmacher ziemlich schnell diese Interpretation oder sehen die Asexualität eines Charakters als Makel an.

Ich hätte im deutschen Fernsehen nicht erwartet, dass irgendeine Serie sich damit auch nur im weitesten Sinne auseinandersetzt.

Dann hab ich letztens angefangen ein paar Folgen von „Edel und Starck“, einer Anwaltsserie, die bis 2005 lief, wieder anzuschauen und bin auf etwas interessantes gestoßen. In Staffel 4 Episode 11 („Der X-Punkt“) geht es um das Thema Sex und einer der Handlungsstränge handelt von einem Mann, der keinen Sex möchte.

Auf der Seite von Sat1 Gold kann man sich die Folge kostenlos anschauen.

Volker Adam kommt als Mandant zur Kanzlei, weil sich seine Frau von ihm scheiden lassen will. Weil er nicht mit ihr schlafen möchte.

Er sagt von sich selbst: „Auch ich bin nicht frei von hormonellen Schwankungen. Das ist doch ganz natürlich.“ Libido scheint er also zu haben (und sieht es als unnatürlich an, wenn jemand keine hat, na vielen Dank). Er kann sie aber „kognitiv ausblenden“. Es wird auch erwähnt, dass er sexuelle „Erfahrungen in der Studienzeit“ gemacht hat. Libido an sich und die Tatsache, dass man Sex hatte, schließen aber nicht aus, dass jemand asexuell ist. Die Frage wäre, ob er sexuelle Anziehung gegenüber einer Person/Personen verspürt oder nicht.

In einem späteren Zusammentreffen mit seiner Ehefrau und deren Anwältin wird er gefragt, ob er sie attraktiv fände. Woraufhin er über ihren Intellekt redet, zu dem er sich hingezogen fühlt. Die Art wie er sich ausdrückt, kommt mir bekannt vor. Nämlich von anderen Asexuellen. Als würde er das Konzept, jemanden körperlich attraktiv zu finden, nicht verstehen.

Er hat wohl nichts gegen Sex, aber findet nicht, dass der Aufwand es wert ist, was ich mit ziemlich genau dieser Formulierung schon von anderen Aces gehört habe.

Zudem zeigt er deutlich, dass er Probleme mit unserer sexualisierten Gesellschaft hat, was zwar nicht nur auf Asexuelle zutrifft, aber bei uns dann doch weit verbreitet ist.

Das weist ziemlich stark daraufhin, dass es hier um einen asexuellen Charakter geht. Von der Darstellung her ist er nicht aromantisch, er hat seine Frau geheiratet, weil er sie liebt.

 

Jetzt könnte man denken, dass das ganz gut klingt. Ein nicht-aromantischer Asexueller? Ist doch super Repräsentation! Wäre es jedenfalls, wenn die Serie ihn und das Thema in irgendeiner Form respektvoll behandeln würde.

Es gibt sie noch, die Stereotypen! Unser Volker Adam ist natürlich Mathematiker, der findet, keinen Sex zu haben, ist logisch. Seine Asexualität wird in ein direktes Verhältnis gestellt, mit seinem Bedürfnis die ganze Welt in Zahlen auszudrücken.

Kurz zum Verhältnis zwischem ihm und seiner Ehefrau: sie sind seit zwei Jahren verheiratet und haben zu Beginn vereinbart keinen Sex zu haben. Die Frau ist zu dem Schluss gekommen, dass sie Sex in der Beziehung will. Er aber nicht. Sie will sich scheiden lassen und er will unbedingt eine Scheidung verhindern.

Niemand sollte gezwungen werden, Sex zu haben, aber den Partner dazu zwingen, in einer Beziehung zu bleiben, in der er unglücklich ist, ist auch nicht die Lösung. Manchmal sind eben die Bedürfnisse zu unterschiedlich. Gerade bei dieser Konstellation sind „Kompromisse“ schwierig. (Die Möglichkeit, dass sie Sex mit jemand anderem hat vielleicht, aber das war der Serie wohl zu „moralisch verwerflich“.)

Auf den Mann wird die ganze Zeit (anscheinend berechtigterweise?) der Druck ausgeübt, mit ihr Sex zu haben und das Gericht weigert sich, eine Scheidung für wirksam zu erklären. Also ist er entweder dazu gezwungen, mit ihr zu schlafen oder sie ist weiterhin unglücklich. Was ist nochmal das Gegenteil einer Win-Win-Situation?

Aber keine Angst, alles wendet sich noch zum Guten! Er wird von seiner Asexualität „geheilt“ (oder gibt dem Druck nach, wie auch immer mensch das sehen möchte). Und zwar wegen Blues. Ja, der Musik. Blues ist so erotisch, es befreit dich von deiner Asexualität!

Sowas habe ich nun auch noch nicht gehört.

 

Noch ein paar Momente, auf die ich hinweisen will:

„Du bist sicher, dass er nicht schwul ist?“ Na, das kenne ich doch irgendwoher. Bekommt man als Asexueller gelegentlich auch zu hören.

„Sex nicht wichtig? Ich kann doch auch nicht sagen, dass ich Luft nicht wichtig finde oder was zu essen.“ Die Leier kommt mir auch bekannt vor. Keine Luft und kein Essen führt zum Tod. Ich lebe ganz gut ohne Sex, danke.

„Der Geschlechtsakt [ist] unverzichtbarer Bestandteil des Ehebündnisses“ Die Ehe als Institution ist auch nur schützenswert, wenn man Kinder kriegt. Sagt die CDU zumindest. Ist doch egal, was die Beteiligten in der Partnerschaft wollen.

Herr Adam kann den „Geschlechtstrieb positiv kanalisieren, er kann ihn umwandeln in geistige Energie“ Der „Geschlechtstrieb“ als Antriebsmittel. Wer braucht da noch Elektroautos.

Dann noch ein ganzer Absatz darüber, dass Volker Adams Liebe „rein“ ist und „frei von sexueller Gier“, es handele sich um den „[größten] Liebesbeweis“ und er sei ein Vorbild für alle Männer. Man kann Asexualität verteidigen ohne Sex als schmutzig zu bezeichnen. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn das für jemanden wichtig ist in einer Beziehung. Und wenn nicht Sex haben zu wollen, aber trotzdem Zeit miteinander zu verbringen, ein so toller romantischer Liebesbeweis ist, dann sollte ich wohl alle meine Freunde heiraten.

Fazit: Nichts zum Anschauen, wenn man gute Repräsentation sehen möchte. Aber wenn ihr mal jemandem zeigen wollt, was für Reaktionen und schreckliches Verhalten wir als Asexuelle erdulden müssen, dann ist das genau das Richtige!

Und jetzt habe ich das Bedürfnis, eine Liste mit gut umgesetzten Asexuellen in verschiedenen Medien zu erstellen. Nur damit ich mich überzeugen kann, dass nicht immer alles schlecht ist.

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Ein Kommentar zu „Asexualität im deutschen Fernsehen?

  1. Das klingt wirklich übel. Besonders gravierend sind die „Heilung“ und die „Ohne Sex ist es keine Beziehung“- bzw. „Sex gehört zu den ehelichen Pflichten“-Narrative. Wirklich, wirklich übel. Danke für´s Teilen.

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