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Brief zum Coming-Out als nichtbinär

Ich melde mich nach langer Zeit mal wieder.

(Große?) Neuigkeiten: Ich habe mittlerweile meiner Familie (oder zumindest einem guten Teil davon) mein Nichtbinär-Sein verkündet. Und zwar mit einem Brief. Es war für mich persönlich die beste und einfachste Lösung. Im Vorfeld hatte ich etwas vergeblich nach Vorlagen geschaut, die mir etwas aushelfen können. Auf englisch findet mensch ein paar, auf deutsch meistens nur im Rahmen von binären trans Erfahrungen. Deswegen dachte ich, dass ich euch einfach mal meinen Brief vorlege. Er ist wohl nicht perfekt, aber als Beispiel für alle, die ein paar Anhaltspunkte brauchen, vielleicht hilfreich:

„Liebe Familie,

es gibt etwas, dass ich euch schon länger sagen wollte. Ich habe mich jetzt entschlossen, das einfach per Briefchen zu machen. Ihr wisst, dass es bei uns häufig hektisch zugeht und manchmal haben wir einfach nicht die Zeit oder Ruhe für bestimmte Gespräche. So könnt ihr euch das alles in Ruhe durchlesen und ich muss nicht durch ein Gespräch stottern.

So, dann mal los: Ich bin nichtbinär. Das heißt kurz gesagt, dass ich mich weder geschlechtlich als Frau noch als Mann sehe.

Hier noch ein paar Links, falls ihr euch weiter darüber informieren möchtet:

https://www.zdf.de/kinder/logo/drittes-geschlecht-102.html (Ja, sogar der KiKa hat sich schon mit dem Thema befasst)

FAQ

Was heißt das jetzt für mich, bzw. für uns?

Im Grunde genommen ändert sich nicht viel. Ich war schon immer nichtbinär, habe es aber erst in den letzten paar Jahren wirklich benennen können. Jetzt wo es mir bewusst ist, will ich das mit meiner Familie teilen, weil es mir wichtig ist, dass ich um euch herum nichts verstecken muss und einfach ich selbst sein kann.

Es gibt ein paar Sachen, um die ich euch bitten würde: mir gefällt der Name [alter Name] nicht wirklich und es wäre lieb, wenn ihr mich so nicht mehr ansprechen bzw. auch im Gespräch mit anderen so nennen würdet. Die gute Nachricht ist, dass ihr mich gerne weiter [Spitzname] nennen könnt (was ja sowieso die meisten von euch tun).

Ansonsten habe ich in den letzten Wochen den Namen [neuer Name] ausprobiert, der mir auch gefällt. Ich weiß aber noch nicht, ob das etwas ist, dass ich dauerhaft möchte oder gar legal den Namen dazu ändern möchte. Auch für mich sind viele Sachen hier noch neu.

Wenn ihr über mich redet, dürft ihr gerne weiter [Pronomen] sagen.

Es würde mich sehr freuen, wenn ihr auch geschlechtsneutrale Begriffe für mich benutzt, z.B. „mein Kind“ statt „meine Tochter/mein Sohn“ oder „Wir sind Geschwister“ statt „Sie/Er ist meine Schwester/mein Bruder“.

Ich weiß, dass das alles am Anfang etwas merkwürdig ist und nicht immer klappen wird. Menschen sind Gewohnheitstiere und über 25 Jahre Gewohnheit gehen nicht über Nacht weg. Ich verspreche, dass ich nicht sauer werde, bloß weil euch manchmal der alte Name oder sowas herausrutscht. Es würde mich aber super freuen, wenn ihr es einfach versuchen würdet.

Ihr dürft auch gerne darüber mit anderen Leuten reden und sagen, dass ich nichtbinär bin. Mittlerweile bin ich in meiner Identität sicher genug, dass mir das nichts ausmacht.

Mir ist klar, dass einige von euch das ganze hier nicht unbedingt nachvollziehen können und das verlange ich auch gar nicht. Menschliche Erfahrungen sind so vielfältig und unterschiedlich, dass keiner von uns alles verstehen kann. Aber wir können einander zuhören und uns respektieren.

Diesen Brief konnte ich nur schreiben, weil ich überzeugt davon bin, dass ihr mich nicht nur akzeptiert, sondern mich immer in dem unterstützen werdet, was mich glücklich macht.

Ich beantworte euch auch gerne alle Fragen, die ihr habt. Ihr könnt mir gerne eine Nachricht schreiben als E-Mail, auf WhatsApp oder anrufen.

Wenn ihr etwas Zeit braucht, um hierauf reagieren zu können: keinen Stress. Ich habe Monate gebraucht, um das hier so schreiben zu können, dass ich einigermaßen zufrieden bin.

Hab euch alle lieb.“


Bisherige Reaktionen waren alle im Bereich von „Wir lieben dich und unterstützen dich“, es kam aber nicht zu weiteren Gesprächen. Ich vermute mal, dass ich die selbst anstoßen muss.

Ich werde euch über meine weiteren Erfahrungen auf dem Laufenden halten.

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